STARLIGHT UNION

S T A R L I G H T  - Kreativ -

Im 'Kreativteil' unseres Clubmagazins publizieren die Mitglieder ihre 'phantastischen' Beiträge - seien es nun Bilder, Gedichte oder Stories. Doch auch 'Realgeschichtliches' findet oftmals Einzug in unser Magazin. Anbei eine entsprechende Lesprobe aus STARLIGHT 87 :

WINTER AUF SCHLOSS LEMBERG         

von Vera Ulrich (Bilder: W. Brücker)

Es war ein langer harter Winter im Jahr des Herren 1537. Schon seit Wochen hatte der Schnee sein weißes Kleid über das Land gebreitet. Alles war im Eis erstarrt.

Ich bin Agnes, die Küchenmagd und wohne auf dem Schloss Lemberg und ich will Euch über mein Leben berichten.

Ich habe Glück, denn ich wohne in der Küche und schlafe neben dem wärmenden Herdfeuer, das nicht ausgehen darf. Der Ruß hat mein Gesicht und Hände geschwärzt. Mein Haar hängt in lagen fettigen Strähnen herab und mein Rücken ist im Laufe der Jahre krumm geworden. Wenn ich lache (und ich habe selten etwas zu lachen), dann seht ihr nur noch zwei kleine Zahnstümpfe in meinem Maul.

Morgens, nach dem Hahnenschrei, stehe ich von meinem Strohlager auf, welches ich mit Läusen und Flöhen geteilt habe. Ein paar der Plagegeister erwische ich und zerknacke sie mit den Fingernägeln des Zeigefingers und Daumens. In einer Schüssel steht Wasser, welches im Lauf der Nacht wieder eine dünne Eisschicht angesetzt hat. Macht nichts, ich entferne das Eis und wasche mir schnell das Gesicht, das ohnehin schon rot vor Kälte und Hitze des Herdfeuers ist. Die Haare binde ich zusammen und verstecke sie unter meiner Haube, die einstmals hellfarben war. Inzwischen hat sie einen grau-braunen Ton angenommen, genau wie mein Unterkleid, mein Überkleid und Schürze.

Wir waschen die Wäsche bei dieser Kälte eher selten. Denn ein Waschtag bedeutet viel Arbeit...
Die gesamte Wäsche muss am Vorabend in heißem Seifenwasser eingeweicht werden, die weiße und bunte Wäsche sowie die Arbeitskleidung werden getrennt eingeweicht und gewaschen. Da sich die Seife in weichem Wasser besser löst, machen wir dieses oft mit Hilfe von Asche weich. Die Wäsche wird in den Zuber gefüllt, darüber das Aschtuch, ein großes feines Leintuch, ausgebreitet und mit gesiebter Asche bestreut. Über das Tuch mit der Asche gießen wir dann das heiße Wasser. Zunächst wird die weiße Wäsche gewaschen; sie wird gekocht und gestampft, dann aus dem Kessel genommen und im Zuber mit Kernseife durch Reiben, Walken und Schwenken gewaschen. Die übrige Wäsche wird danach im selben Wasser gewaschen, Kleidung aus Wolle zuletzt . Schließlich wird die Wäsche ausgespült und dann ausgewrungen so gut es geht.

Die Wäsche legen wir dann draußen auf Wiesen und lassen diese von der Sonne trocknen. Bei schlechtem Wetter muss sie in der Waschküche selbst oder am Ofen getrocknet werden.

Ich schweife ab. Meine erste Tätigkeit besteht darin, das Herdfeuer wieder anzufachen, welches noch als kleine Glut glimmt. Ich muss auch sparsam mit dem Holz umgehen, denn auch hier sind die Vorräte fast zur Neige.

Dann gehe ich hinaus und hole einfach Schnee vor der Haustür, der über Nacht wieder reichlich gefallen ist, und packe diesen in einen großen Kessel.

Den Kessel hänge ich über den Haken des Herdfeuers, das inzwischen munter prasselt. Ich muss etwas essbares zubereiten. Gar nicht so einfach. Unsere Vorräte sind sehr zusammengeschmolzen, denn der Winter war lang und die Kräuterfrau, die gestern auf der Burg war, um getrocknete Kräuter zu bringen, erzählte mir, dass die Kälte noch weiter andauern würde. Keine guten Nachrichten!

Wie gesagt, ich schlinge mein von Motten zerfressenes Wolltuch über , wickle mir Lumpen um die Füße und schlüpfe in meine Holzpantinen. So schnell wie möglich husche ich über den Hof, um zur Vorratskammer zu gelangen, denn meine Küche liegt etwas außerhalb des Hauptgebäudes. Genauso wie die Schmiede. Wegen der Brandgefahr, müssen Sie wissen! Denn viele Gebäude auf der Burg sind mit Holz gebaut und die Dächer mit Holzschindeln oder sogar Stroh gedeckt.

Ich komme dabei am Herrschaftshaus vorbei und blicke hoch. Der Rauch kräuselt sich munter in den kalten, klaren Winterhimmel. Die Herrschaften haben es gut. Oftmals beneide ich meine Herrin, Gräfin Katharina von Hohenburg, Fräulein von Lahr und Klettenberg. Als sie im letzten Jahr den Grafen Jakob von Pfalz-Zweibrücken geheiratet hat, ach – was war das für ein Fest!

Ich erinnere mich noch genau. Es war Oktober und die Sonne schickte nochmals ihre wärmenden Strahlen zur Erde, fast so, als wollte Gott seinen Segen über das Paar aussprechen.

Graf Jakob hatte Katharina bereits im April standesamtlich geheiratet, aber zu dieser Zeit war die Burg Lemberg einfach nicht geeignet, um eine Wohnstatt für ein hochgestelltes Fräulein bieten zu können.
Schmucklose, einfache Häuser, Stallungen, Schmiede, eine wehrhafte Mauer und eine kleine Kapelle waren dort anzutreffen. Bisher hatte man nun mal ausschließlich Wert auf den Wehrbau gelegt und nicht auf den Wohnkomfort.


Ich kann ein Lied davon singen. Nur raue Gesellen lebten zu dieser Zeit dort – die abends tüchtig zechten mit dem Grafen Jakob und ordentlich dem Essen und Trinken zusprachen. Kein Schürzenzipfel war sicher vor deren Nachstellungen. Was soll ich denn auch dagegen tun, wenn der eine oder andere mein Nachtlager teilen will?? Immerhin, ich bin alt und hässlich, und so besinnt sich mancher Kerl eines Besseren. Als ich jung und hübsch war, da besuchte mich mach einer des Nächtens. Doch keiner konnte mein Herz gewinnen. Eine gewisse Zuneigung entwickelte ich zum Stallburschen Didericus, der mich auch beschützte vor den Übergriffen. Letztes Jahr hat ihn Gevatter Tod geholt – er starb in einer kalten frostigen Novembernacht. Er hatte im Stall bei dem kranken Pferd des Grafen übernachtet und wachte des Morgens einfach nicht mehr auf. Erfroren ! Er war ein frommer Mann und ich hoffe, dass er jetzt im Himmel ist und kein Leid und Schmerz mehr ertragen muss.

Unsere fünf Kinder sind alle früh gestorben. Nur eines davon wurde 16 Jahre alt, bevor es eine heimtückische Krankheit dahinraffte. Doch das ist eine andere Geschichte. Nun, ich schweife wieder ab, Ja,ja das Alter... Graf Jakob kam wie der Wirbelwind zurück nach Lemberg geritten und zitierte Baumeister zu sich und gab ihnen den Auftrag, die Burg für seine junge Gattin wohnlich zu gestalten. Was glaubt ihr, was den ganzen Sommer über Betrieb auf der sonst beschaulichen Lemberg herrschte?? Da hörte man überall Geräusche: das Hämmern des Schmiedes, das monotone Klopfen der Steinhauer, das Geschrei der Fuhrleute, die die Steine heranbrachten, das Wiehern der Lasttiere, das Quietschen der Fuhrwerksräder, das Gackern der Hühner, die mal wieder im Weg rum liefen und aufgescheucht wurden. Täglich hörte man den Baumeister mit seinen Leuten schimpfen, die mal wieder nicht die Steine so aufeinander setzten, wie sie sollten.

Und vor allen Dingen: diese Leute hatten Hunger und Durst. Meine Mägde und ich kamen kaum noch nach, all die Mäuler zu stopfen. Den Bauern unten im Dorf wurden höhere Abgaben verlangt und sie wurden öfter zu Frondiensten herangezogen. Meistens waren es Hand- und Spanndienste. Handdienste bestanden beispielsweise darin, dass die Bauern auf den Feldern des Grundherrn Beikraut ,d.h. Unkraut, jäten mussten. Bei den Spanndiensten mussten die Fronarbeiter z. B. das Feld pflügen. Der Begriff der Spanndienste bezieht sich auf das Einspannen eines Ochsen oder eines anderen Tieres vor den Pflug.

Natürlich gab es da aus den Reihen der Bauern die eine oder andere Stimme des Aufruhrs. Zum Glück besänftigte Bauer Hans seine Kameraden, denn sein Vater hatte vor einigen Jahren am Bauernaufstand teilgenommen. Da war die Situation ähnlich. Hans hat es mir erklärt: Die Bauern trugen die Hauptlast zur Aufrechterhaltung der Feinen Gesellschaft: Fürsten, Adel, Beamte, Patrizier und der Klerus lebten von deren Arbeitskraft, und da die Zahl der Nutznießer immer weiter anstieg, stiegen auch die Abgaben, die die Bauern zu leisten hatten. Neben dem Großzehnt und dem Kleinzehnt auf die meisten ihrer erwirtschafteten Einkünfte und Erträge zahlten sie Steuern, Zölle und Zinsen und waren häufig ihren Grundherren zu Fron- und Spanndiensten verpflichtet.

Dazu kam, dass oftmals die Realteilung angewandt wurde, die bei gleich bleibender Gesamtproduktionsfläche zu immer kleineren Höfen führte. Viele dieser Kleinstbauernhöfe waren angesichts der hohen Belastungen nicht mehr wirtschaftlich zu führen. Wirtschaftliche Probleme, häufige Missernten und der große Druck der Grundherren führten immer mehr Bauern in die Hörigkeit und weiter in die Leibeigenschaft, woraus wiederum zusätzliche Pachten und Dienstverpflichtungen resultieren. Auch das „Alte Recht“, ein mündlich überliefertes Recht, wurde von den Grundherren zunehmend frei interpretiert oder vollkommen ignoriert. Seit Jahrhunderten bestehende Allmenden wurden enteignet und gemeinschaftliche Weide-, Holzschlag-, Fischerei- oder Jagdrechte beschnitten oder abgeschafft. Und dann kam ein gewisser Martin Luther, der in seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ erzählt, dass ein Christenmensch ein Herr über alle Dinge und niemandem untertan sei. Luther hatte auch das Neuen Testament ins Deutsche übersetzt.

Das waren weitere entscheidende Auslöser für das Aufbegehren der dörflichen Bevölkerung: Nun war es auch den einfachen Leuten möglich, die mit dem „Willen Gottes“ gerechtfertigten Ansprüche von Adel und Klerus zu hinterfragen. Für die eigene erbärmliche Lage fanden sie keine biblische Begründung, und somit stellten viele Bauern fest, dass die Einschränkung des Alten Rechts durch die Grundherren dem tatsächlichen Göttlichen Recht widersprach – Gott lasse tatsächlich die Tiere und Pflanzen ohne das Zutun der Menschen und für alle Menschen ausreichend wachsen. Sie erkannten nun, dass sie dieselben Rechte wie Adel und Klerus beanspruchen konnten. Die Bauern schnappten ihre Heugabeln, Dreschflegel, funktionieren ihre Sensen in Waffen um und begannen mit ihren Plünderungszügen. Der Vater von Hans gehörte dem Lothringer Kolbenhaufen an, der unter anderem das Kloster Stürzelbronn plünderte und verwüstete. Die Burg Lemberg kam ungeschoren davon.

Doch die Bauern wurden bald aufgehalten durch die gut ausgerüsteten Heere der Herrschaften. Die Aufständischen wurden eingekerkert, die Anführer zum Tode verurteilt. Die Mitläufer wurden als vogelfrei bezeichnet, d.h. sie verloren sämtliche Rechte. Aber die Herrschaften erkannten auch, dass sie die Bauern brauchten, die das Land bestellten. So wurden die meisten mit einem Bußgeld belegt und durften wieder ihre Höfe bewirtschaften. Was war ich stehen geblieben ?? Ah ja, bei den Bauarbeiten. Es entstanden innerhalb kürzester Zeit ein prächtiges Wohnhaus mit Kamin, mein Seitengebäude mit einer schönen Küche und die Gebäude wurden alle mit Schmuckornamenten versehen.

Die Kapelle wurde nur gründlich gereinigt, denn erst vor kurzem war ein neues Gestühl bestellt worden, so dass hier keine weiteren Arbeiten vonnöten waren. Und dann wurde es endlich Oktober. Die Braut kam mit großem Gefolge an und ihre Zofen machten sofort die Frauengemächer wohnlich und packten die beiden großen Kleidertruhen der Herrin hinein. Und wir hatten mal wieder eine Menge zu tun. Schon Tage zuvor kamen die Männer aus den Wäldern und brachten uns Wildbret. Hasen, Wildschweine, Wachteln , Fasane, Eichhörnchen, Hirsche und was man sich noch so alles vorstellen kann. Der Herd wurde nicht kalt. Es dampfte aus den Kesseln, es schmurgelte an den Bratspießen. Wir buken frisches Brot, aus weißem Mehl hergestellt, welches die Langmühle sorgfältig und mit viel Mühe für diesen Anlass gemahlen hatte. Und: es war auch für uns eine schöne Zeit, denn ab und zu gelang es uns, das eine oder andere Bröckchen zu schnappen und schnell in den Mund zu schieben.

Zum Fest kamen zahlreiche ehrenwerte, hochgestellte Gäste. Fragt mich nicht, wer das alles war. Ich kenne mich ja mit Grafen und Herzögen nicht aus. Jedenfalls spähten wir Gesinde immer aus dem kleinen engen Küchenfenster heraus, wenn die Leute draußen in ihren prächtigen Gewändern vorbeiflanierten. Wie schimmerte es da vor Gold und Geschmeide. Die Damen trugen Gewänder aus den wertvollsten Stoffen. Ich träumte davon, auch eine edle Dame zu sein... aber was nützt es, wenn der grobe Stoff meines Unterkleides mal wieder unerträglich auf der Haut scheuert... Der Abt von Kloster Weißenburg reiste an, um die Eheleute zu trauen. Die Zeremonie fand in der Burgkapelle statt. Ich erhaschte einen Blick ins Innere. Mit Kerzen beleuchtet, die Braut prächtig ausstaffiert, las der Abt aus der Bibel vor....

Ich musste jedoch wieder an die Arbeit zurück. Dann fand das große Festmahl statt. Man hatte im großen Saal eine lange Tafel gedeckt, überall brannten Kerzen und ein wohlig warmes Feuer flackerte lustig im Kamin. Es dauerte eine Weile, bis die illustren Gäste alle ihren Platz durch den Truchsessen zugewiesen bekamen. Es ist nämlich ganz wichtig, wer wo sitzen darf, hab ich gehört. Dann kamen Diener mit wunderschön geformten Wasserkaraffen und wuschen jedem der Gäste die Hände. Das dient nicht nur der Reinlichkeit, sondern zeigt auf, dass die Hände der Gäste im wahrsten Sinne des Wortes rein sind, und sie somit an der Tafeley teilnehmen dürfen. Nun ging es daran, die Speisen zu verteilen. Diener huschten immer zwischen den Gästen hin und her, und achteten darauf, dass die Gläser niemals leer und die Teller immer voll waren. Die Feier dauerte bis früh am Morgen. Ich bin dann irgendwann mal neben meinem Herdfeuer eingeschlafen und freute mich schon auf den nächsten Tag, wo die Bediensteten die Reste des Festmahls verspeisen durften.

Irgendwann wachte ich mit klopfenden Schmerzen auf. Mein Backenzahn, der schon seit geraumer Zeit wackelte, meldete sich zu Wort. Ich hätte am Vorabend nicht die Nüsse kauen sollen. Es war höllisch. Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen und der Wurm, der sich durch meinen Zahn fraß, leistete ganze Arbeit. In den Städten konnte man zum Bader gehen, der sich um die Probleme kümmerte, hatte ich gehört, aber hier??? Ich schleppte mich zu unserem Hufschmied, der noch weinselig in seiner Schmiede auf seinem Strohlager schnarchte. Heilige Appolonia hilf, dachte ich bei mir.

Kennt Ihr Apollonia nicht ?? Die Jungfrau Apollonia wurde vor langer Zeit verschleppt. Man schlug ihr die Zähne aus und drohte, sie lebendig zu verbrennen, falls sie ihren Glauben nicht verleugne. Darauf sprang sie laut betend selbst in den brennenden Scheiterhaufen. Und so trat ich dem Schmied unsanft in die Seite. Er erschrak und fiel von seiner Lagerstatt. Unwirsch herrschte er mich an, was ich denn in dieser Herrgottsfrühe von ihm wolle. Ich klagte ihm mein Leid, daraufhin fachte er sein Feuer an und griff zu einer großen Zange.

Er hieß mich, auf einen Hocker setzen und das Maul ganz weit aufzumachen. Mir wurde bang und ich zitterte am ganzen Körper. Ich solle gefälligst still halten, herrschte er mich dann an. Eine gnädige Ohnmacht umfing mich und ich erwachte dann Stunden später an meinem Herdfeuer. Mein Maul tat unglaublich weh und die Wange war dick geschwollen. Ich hatte den ekligen Geschmack von Blut im Mund. Ich nahm einen Schluck Wasser und spuckte aus. Bäh.... , ich kramte im Vorratsschrank. Ja, da waren sie noch: die wunderbaren und heilkräftigen Gewürze der Frau Gräfin (Gewürze sind teuer, und nur wer reich ist, kann sich welche leisten. Zum Glück sind meine Herrschaften wohlhabend!). Ich nahm eine Nelke und kaute darauf herum. Ich verspürte bald ein wenig Erleichterung.

Aber – es dauerte noch 10 Tage, bis der Wurm wieder besänftigt war. Nun, viele Zähne hatte ich ohnehin nicht mehr. Im Laufe meines Lebens sind mir einige ausgeschlagen worden, oder der Hufschmied hatte Hand angelegt. Und so wurde mir das Kauen immer beschwerlicher. Ich merke, wie mir kalt wird. Ich muss schon eine ganze Weile in meinen Gedanken versunken dort im kalten Innenhof ausgeharrt haben. Jetzt aber schnell zur Vorratskammer. Dort sind noch ein paar Säcke mit Hirse. Ein Glück, es reicht noch für ein paar Tage, wenn wir sparsam sind. Ich eile mich und gehe zurück in meine wohlig warme Küche. Dort schütte ich die Hirse in das inzwischen kochende Wasser und lege einen Zahn zu – der Kessel hängt nun dichter über dem Feuer und das Getreide blubbert. Nun, der Brei wird diesmal dünner als gewöhnlich ausfallen, auch für die Herrschaften. Ich habe übrigens gehört, dass Graf Jakob heute mit seinen Jagdgenossen raus in die Wälder gehen will und Wild erlegen möchte. Aber ich fürchte, bei diesem hohen Schnee wird ihm das Jagdglück nicht hold sein.

Nun denn – bald werden die Pagen kommen, um das Essen der Herrschaften abzuholen. Ich setze mich wieder neben das Herdfeuer, nasche ein wenig vom Brei und rühre ab und zu im Kessel. Schon seit Wochen hatte der Schnee sein Totenhemd über das Land gebreitet. Alles war im Eis erstarrt und das Leben steht fast still. Ich, Agnes, die alte Küchenmagd, kauere bei dem Herdfeuer und träume von besseren Zeiten.